Irvin D. Yalom: Das letzte Buch

By Peter Pisa

Der weltberühmten Psychiater erinnert sich. Er war immer auch Geschichtenerzähler.

Viktor Frankl war wütend. Der österreichische Psychiater war auf Besuch bei seinem amerikanischen Kollegen Irvin D. Yalom in Kalifornien, als das Au-pair-Mädchen weinend die Treppe gelaufen kam: Frankl habe sie beschimpft. Wieso denn?

Er wollte Tee, sie servierte ihn in einer gewöhnlichen Keramiktasse und nicht in edlem Porzellan.

Es ist immer beruhigend zu erfahren, dass jeder … Schwachsstellen hat.

Fast ein Freund

„Wie man wird, was man ist“ ( = Becoming Myself) ist das letzte Buch, das auf Yalom gewartet hat. Dessen ist er sich sicher.

Yalom ist 89.

„Ich habe keine Bücher mehr im Hinterkopf, die geschrieben werden wollen.“

„Wie man wird, was man ist“ sind seine Memoiren.

Der weltberühmte Psychotherapeut und Geschichtenerzähler, dessen Roman „Und Nietzsche weinte“ 2009 in 100.000 Exemplaren als Gratisbuch der Stadt Wien verteilt wurde, macht einen Schlusspunkt hinter dem Satz von Nietzsche:

„War DAS das Leben? Wohlan! Noch einmal!“

Es sind meist sehr positive Erinnerungen: Je besser wir uns kennen, desto besser wird das Leben. Irvin D. Yalom – Sohn russisch-jüdischer Einwanderer – kennt sich gut: 700 Stunden lag er selbst auf der Couch.

Danach wusste er, klassische Psychoanalyse ist nichts für ihn. Er wollte nicht bloß Fragen stellen. Sondern Antwort geben. Gleichberechtigter Partner sein, fast ein Freund seiner Patienten (das ist sein Wort: Patienten).

Gefühle wollte er zeigen, auch als Therapeut und sowieso als Schriftsteller – mehr Lob als von einem Freund kann er nicht mehr bekommen: Yalom schreibe wie ein Engel über den Teufel, von dem wir besessen sind.

Die Memoiren sind Begegnungen mit seinem jüngeren Ich. Er denkt an Reisen und Träume und an Patienten und kommt weit zurück, bis zur peinlichen Mutter, bis zum früh verstorbenen Vater, einem Lebensmittelhändler, und bis zum Spott, den er als kleiner Bub für ein Mädchen übrig hatte: Das hat ihm früh leidgetan. Das hat später dazu geführt,

Source:: Kurier.at – Kultur

Der Lord und der Sir und ein rosa Sonnenschirm

By Peter Pisa

„Die Leute von Privilege Hill“ sind Ergänzung der drei Bestseller von Jane Gardam.

Die Engländerin Jane Gardam ist ein Hammer. Pardon. 89 ist sie, und die Menschen in diesen 16 Erzählungen haben alle bessere Manieren. Nie würden sie eine 89-Jährige aus Sandwich (Grafschaft Kent) als Hammer bezeichnen.

Privilegierte sind es, die mit ihren Sorgen porträtiert werden, liebevoll und mit einer Pointe am Schluss. Hier ein Sir, da ein Lord. Bei Einladungen wird Tee mit Christmas-Geschmack mitgebracht. Mag sein, dass diese Leute komische Schuhe tragen und die Vorhänge zerschlissen sind. Aber einen Picasso haben sie auch.

Vergessen

Oft ist die Gesellschaft in die Jahre gekommen. Sir Edward Feathers, der berühmte Richter aus Gardams Bestsellern „Ein untadeliger Mann“, „Eine treue Frau“ und „Letzte Freunde“, murmelt: „Eines Tages werden wir alle alt sein.“ Und hat vergessen, dass er fast 90 ist. Sein einstiger Rivale begleitet ihn zu einem Treffen: Er ist lockerer und trägt einen rosa Sonnenschirm im Regen. Lauter Hämmer. Sozusagen.

Jane Gardam:
„Die Leute von Privilege Hill“
Übersetzt von Isabel Bogdan.
Hanser Berlin.
352 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Source:: Kurier.at – Kultur

„Terror“ in den Kammerspielen: Feuer aus der Philosophiekanone

By Georg Leyrer

Die Kammerspiele zeigen das Erfolgsstück rund um einen Flugzeugabschuss.

Es ist ein gewaltiger Erfolg, so groß, dass eine eigene Webseite (terror.theater) Statistik führt. 1.604 Mal wurde Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ bisher aufgeführt, liest man dort, ebenso oft durfte das Publikum über eine Frage zwischen Laienrecht, Philosophie und Supermarkt-Werbung (die mit dem Hausverstand) abstimmen.

Bei 92 Prozent dieser Aufführungen sagte das Publikum: Nicht schuldig.

Es geht um einen Eurofighter-Piloten, der gegen die Order ein von einem Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschießt. 164 Menschen sind ihm weniger Wert als jene Zigtausende, die sterben, wenn das Flugzeug in ein Fußballstadion stürzt.

War das Mord? Oder ist der Pilot freizusprechen?

Das Stück ist clever konstruiert, zwar ein bisschen im luftleeren Raum (warum das Stadion nicht geräumt wurde, wird halbgar erklärt), aber doch so, dass das Publikum mitgeht.

Auch nun bei der Premiere in den Kammerspielen.

Ergebnis: Nicht schuldig.

Scherenschnitte

Filmregisseur Julian Pölsler setzt bei seiner ersten Theaterarbeit auf ein reines Frauenensemble, um zu sehen, ob sich die Dynamik verändert. Was aber wirkungslos blieb. Denn auf der Bühne sah man keine Menschen, sondern, wie es sich für eine Versuchsanordnung gehört, Scherenschnitte, um nicht zu sagen Klischees – die zackige Soldatin, die angriffige Verteidigerin. Diese schneiden aus der Komplexität des Falles kleine verdaubare Happen heraus, die den Schöffen, also dem Publikum, dann vorgelegt werden.

Dementsprechend eindimensional blieben die Darstellerinnen des zentralen Quartetts: Julia Stemberger (Richterin), Pauline Knof als Kampfpilotin, Martina Stilp-Scheiflinger als Verteidigerin und Susa Meyer als Staatsanwältin. Sie arbeiten die verschiedenen Konfliktstellen (Recht versus Moral) und Konfliktbehauptungen (Verteidigerin und Staatsanwältin keifen einander offenbar gerne an) ab.

Am Schluss dann gibt es Plädoyers: Recht muss Recht bleiben, sagt die Staatsanwältin, begründet mit Salven aus der deutschen Philosophiekanone (Immanuel Kant!). Die Verteidigerin versteigt sich gar in unhistorische Aberwitzigkeiten. Wir sind im Krieg! Wir sind bedroht wie nie zuvor in der Geschichte! Echt jetzt?

Wir sind, vor allem, in Deutschland,

Source:: Kurier.at – Kultur

Sex am Lost Highway

By Wiener Zeitung | www.wiener-zeitung.at

Wien. „Just take a look. She sings like a songbird. Wow!“ Die Anmoderation übernimmt mit einem Zuspieler David Lynch selbst. Und schon erinnert man sich daran, dass der Meisterregisseur zuletzt in der dritten Staffel von „Twin Peaks“ nicht umhinkam, an zwei, drei Stellen den Lustgreis zu geben – und sich den einen oder anderen Altherrenwitz gleich selbst mit ins Drehbuch schrieb. Sollte es das jetzt tatsächlich mit der Serie gewesen sein, war es übrigens ein starker und erstaunlich vielseitiger…

Source:: Wiener Zeitung – News Kultur

Leben gegen Leben

By Wiener Zeitung | www.wiener-zeitung.at

„Das Gesetz stattet Sie mit der Macht aus, über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden.“ Mit richtungsweisenden Worten beginnt der Theaterabend „Terror“ in den Wiener Kammerspielen. Die „Richterin“ spricht das Publikum als Schöffen an. Der Vorhang hebt sich, das Gericht tagt, das Spiel beginnt. Verhandelt wird 164-facher Mord: Ein Kampfpilot schießt befehlswidrig ein von Terroristen entführtes Flugzeug ab, weil die Maschine direkt Kurs auf ein Fußballstadion nahm…

Source:: Wiener Zeitung – News Kultur

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