Ein Augenschmaus der Geschichte

Die Schau „Photo/Politics/Austria“ im mumok zeigt schräge Perspektiven auf die ersten 100 Jahre der Republik.

Balkonszenen, sagt


Monika Faber
, seien etwas ganz Wichtiges. Unter den Fotos, die sich als Spuren von Österreichs Geschichte der vergangenen 100 Jahre im kollektiven Gedächtnis verfestigt haben, finden sich nämlich gleich mehrere davon.

Faber, die im Wiener mumok gemeinsam mit Sammlungsleiterin Susanne Neuburger die Schau „Photo/Politics/Austria“ gestaltete, verzichtete auf jene Balkonszenen, die durch bloße Nennung wachzurufen sind: Adolf Hitler, der vom zentralen Söller der Neuen Burg im März 1938 den „Anschluss“


Österreichs
verkündete, ist in der Schau nicht zu sehen, dafür ein Haufen von Menschen, die sich mit Hakenkreuzwimpeln auf dem Dach eines öffentlichen Klohäuschens drängeln. Ebenso wenig ist das Bild von
Leopold Figl bei der Präsentation des Staatsvertrags vom Belvedere-Balkon im Mai 1955 Teil der Schau. Stattdessen sieht man die Journalisten, die im Palais darauf warten, dass die Politiker vom Balkon kommen.

Die Ausrichtung der Präsentation, die zweifellos als eine der geistreichsten und sehenswertesten Aktionen zum Republiksjubiläum bezeichnet werden darf, ist damit hinreichend angedeutet: Hier wird mit einem ordentlichen Maß an Süffisanz von
Österreichs Geschichte erzählt, das Selbstbild der Republik wird schräg angeschaut, auf dass die Konstruktionsmechanismen, Krücken und Kulissen sichtbar werden.

Anonym / Imagno / picturedesk.com

Der erste Medienkanzler

Einen prominenten Platz nimmt dabei Engelbert Dollfuß ein, den Faber als „den ersten Medien-Kanzler“ bezeichnet: Bei den Auftritten des Ständestaat-Führers waren Kameras und Mikrofone stets präsent, jede Rede wurde von der RAVAG – der Vorgängerorganisation des


ORF
– übertragen. Das Bild des ermordeten Kanzlers, das nach dem Attentat am 25. Juli 1934 kursierte, passte perfekt in das Schema der Märtyrerbilder,

Source:: Kurier.at – Kultur

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