Buchkritik: Ein Mensch fällt vom Himmel

By peter.pisa@kurier.at (Peter Pisa)

Gianna Molinari (Bild) und ihr Roman „Hier ist noch alles möglich“: Ein Fabriksbesuch reicht für die Reise in die Welt.

Die einen reisen nach


Island
, die anderen nach Madeira. Sehen wollen sie etwas, und wenn es auch immer nur sie selbst sind, die sich im neuen Licht sehen.
Die Erzählerin des Romans „Hier ist noch alles möglich“ hingegen geht bloß in eine Fabrik, in der Wellpappe hergestellt wird. Sie wird als Nachtwächterin angestellt – obwohl die Fabrik bald stillgelegt werden soll.
Aber der Koch bildet sich ein, einen Wolf gesehen zu haben. Schon putzt er sein Gewehr. Es gab eine tote Ratte. Wahrscheinlich hat sie der Wolf gerissen. Haha. Zumindest ist ein Wolf MÖGLICH.
„Hier ist noch alles möglich“ zeigt ein unbekanntes Land. Eine 08/15-Fabrik mit einem 08/15-Schicksal. Eine kleine Welt, in der die große hineinplumpst: Ein Mann fällt vom Himmel, ein dunkelhäutiger Mann. Wahrscheinlich war er blinder Passagier in Richtung Europa.

Wie Plastilin

Einen derartigen Vorfall gab es 2010 tatsächlich. Ein Nordafrikaner hatte sich im Fahrwerkschacht versteckt. Er erfror, bevor sich die Luken öffneten, bevor die Räder ausfuhren und er über London abstürzte.
Wer interessiert sich für den Toten? Der Wolf, der offensichtlich gar nicht da ist und jedenfalls niemanden in Gefahr gebracht hat, beschäftigt die Leute viel mehr als das Drama der Afrikaner. In der EWU verbotene Fangeisen werden in der Fabrik für den Wolf aufgestellt.


Gianna Molinari
, die Schweizerin, die voriges Jahr beim Klagenfurter Wettlesen den 3sat-Preis gewonnen hat, braucht gar nicht viel, um einen in Erstaunen zu versetzen. Was gibt es Schöneres.
Ihren nüchternen Text mag man sich wie einen Batzen Plastilin vorstellen, den man nach Belieben etwas mehr oder etwas weniger zu einer Flüchtlingsgeschichte formen kann. Jedenfalls ist das Plastilin / ist der Text kalt, das passt; und dass kein Wolf, sondern der Koch

Source:: Kurier.at – Kultur

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