Robbie Williams in Wien: Ein Entertainer, rotznäsig und verletzlich

Mister „Robbie Fucking Williams“ in Top-Form beim ersten von zwei Konzerten in der Wiener Stadthalle. Impressionen der spektakulären Show.

Donnerstag, 20.40 Uhr. Robbie Williams als Figur – wie die berühmte Statue von Auguste Rodin – nackt und in Denkerpose, auch Cover-Motiv des Best-of-Albums „XXV“, verschwindet von der Bühne. Der echte, ein Ganztagsextrovertierter im roten Fußballleiberl mit dem Aufdruck „Friendly“, greift zum Mikro.

APA/EVA MANHART / EVA MANHART

Der Countdown und der Rückblick auf ein Vierteljahrhundert Solo-Karriere beginnen mit  „Hey Wow Yeah Yeah“, rockiger Opener einer bombastischen Show, gefolgt vom Signature-Song und Gassenhauer „Let me Entertain you“ aus dem Jahr 1997 im Greatest-Hits-Programm der „XXV Tour“ samt Oasis-Cover „Don’t Look Back in Anger“.

30 Meter LED-Wall, 14 Meter Laufsteg, sechs exaltierte Tänzerinnen und ein infernalisch lauter Sound: Die ausverkaufte Wiener Stadthalle ist aufgerüstet für die erste von zwei Vorstellungen des biografischen Musicals „25 Years of Hits“ und für die flotten Sprüche des englischen Pop-Veteranen vor insgesamt rund 30.000 Menschen. Der gibt wie eh und je die charmant-freche Rampensau, die zwischendurch bei „Monsoon“ ein Verschnaufpause braucht: „Das liegt an Long Covid, den Nachwirkungen des Virus, nicht an meinem Alter“, sagt der mittlerweile grauhaarige 49-Jährige.

Er stellt sich vor: „My name is Robbie Fucking Williams.“ Schreit nach wenigen Minuten in die schnell auf Jubel gebürstete Menge: „Wien – ich liebe Euch!“ Erklärt David Alaba zur Gaudi aller zum „besten Fußballer Österreichs“, der 1992 geboren wurde, just in dem Jahr, als er mit der Boygroup Take That seinen Durchbruch feierte. Und erkundigt sich bei seinen Fans auf Deutsch: „Wie geht’s? Alles fit im Schritt?“

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Anzüglichkeiten gehören zum Entertainer mit dem losen Mundwerk, der sich gern als Rebell stilisiert. Er erzählt und zeigt in Nahaufnahme, wie ihm Fans in Hamburg beim Bad in der Menge dreist ans Genital fassten, präsentiert im Flashback das allererste Take-That-Video und im Standbild seinen nackten Po, um augenzwinkernd und gespielt empört zu beteuern: „Ich war 16!“ Heute sehe dieser Po nicht mehr so aus.

Zu Besuchern auf Sitzen mit schlechter Sicht auf der Seite hoch oben im Rang sagt er, sie hätten wohl am falschen Ort gespart: „Eure Plätze sind ja Scheiße. Ihr hattet wohl keine Lust mein Gesicht zu sehen!“ Und holt vier von ihnen vor die Bühne.

Seelen-Striptease

Scherz beiseite plaudert der Sänger auch über die Tiefpunkte seines Lebens, über Selbstzweifel, Depressionen und Nervenzusammenbrüche, wie der einstige Teenie-Star im zu frühen Erfolg „lost“ war, und wie er mit Hilfe von Geri Halliwell die Drogen- und Alkoholsucht überwunden hat: „Ich bin seit 23 Jahren trocken.“ Für das Spice Girl hat er den Song „Eternity“ geschrieben, der allgemeine Rührung und ein Lichtermeer erzeugt.

Die Schnulze „Love my Life“ ist seiner Familie – Frau Ayda und die vier Kinder – gewidmet, die ihm sehr am Herzen liegt. Sie habe sein Leben erst komplett gemacht und ihm Sinn gegeben.

Umso wuchtiger hämmert sich der Dancefloor-Kracher „Rock DJ“ aus dem 2000er-Album „Sing When You’re Winning“ in die Köpfe, ehe Robbie Williams zum Kehraus eine Dame von den Stehplätzen anspricht, „She’s the One“ singt und dabei die Rutschbahn in die Sentimentalität nicht meidet.

Überhaupt zeigt sich das Publikum erstaunlich textsicher bei unverwüstlichen Mitsing-Hits wie „Strong“ mit den Lyrics „You think that I’m strong. You’re wrong, you’re wrong … Life’s too short to be afraid“, wie der Ballade „Come Undone“ oder „Feel“, das Mister Cool von seiner verletzlichen Seite zeigt, bis zum finalen Kitschpophit „Angels“, der an alle gerichtet ist, die geliebte Menschen verloren haben, aber nicht die Hoffnung verlieren sollen.

Und auch Robbie Williams hat für sein Bekenntnis „Ich bin heute glücklicher, als ich es jemals war“ wohl keinen Teleprompter gebraucht an diesem spektakulären Abend.

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