Wiener Festwochen: Einfühlen in die Gedankenwelt der Jugend

Die italienische Performance-Künstlerin Anna Rispoli realisiert im Parlament „Close Encounters“

2021 sorgte Anna Rispoli für einen erstaunlichen Auftakt der Festwochen. Nicht vor dem Rathaus, sondern im Arkadenhof: Man saß ratlos, mit Covid-Sicherheitsabstand im Halbkreis auf Plastiksesseln, wandte den Blick einer imaginären Bühne zu. Und dann standen einzelne Menschen aus dem Publikum auf, um in verteilten Sprechakten ein Plädoyer zu halten.

Für „Einkommen. Die bedingungslose Rede“ hatte die Künstlerin in Wien und Mailand Interviews geführt bzw. führen lassen und daraus eine chorische Partitur kompiliert. Die Aussagen passten mitunter zu den Akteuren, mitunter nicht – und das machte den Reiz aus. Diese multiperspektivische „Rede“ hatte, trotz des ernst gemeinten Inhalts, viel Witz.

Bea Borgers

Bringt Kommunikation in Gang: Anna Rispoli

Anna Rispoli, 1974 geboren, ist in einer kleinen Stadt nahe Padua aufgewachsen – in einer Gegend, die alles andere als romantisch ist, wie sie sagt: Es gab einfach eine Straße mit einem Einkaufszentrum. Diese Vororte-Tristesse war mit ein Grund, warum sie Künstlerin werden, sich mit Kommunikation und sozialen Themen, den Fragen von Inklusion und Exklusion beschäftigen wollte. Nach der Matura ging Anna Rispoli nach Bologna, studierte dort Performance – und engagierte sich in der autonomen Szene. Man besetzte Häuser, kämpfte für Gleichheit, gegen Missstände und Silvio Berlusconi.

Mit 35 übersiedelte sie, müde geworden von den Auseinandersetzungen, nach Belgien: „Brüssel ist für mich die am meisten mediterrane Stadt in Nordeuropa“, sagt Anna Rispoli. Beim Kunstenfestival des Arts konnte sie ihre erste Arbeit umsetzen. Dessen Intendant, Christophe Slagmuylder, wechselte 2020 zu den Festwochen. Und so kam Rispoli für „Die bedingungslose Rede“ nach Wien.

2022 realisierte sie bei den Festwochen „Close Encounters“: Sie bot dem Publikum die Gelegenheit, sich mit Gedanken, Hoffnungen und Sorgen der Jugend (von den Folgen des Klimawandels bis zur Arbeitsplatzvernichtung durch Automatisierung) auseinanderzusetzen.

Nestroy-Nominierung

Für ihr Projekt hatte sie bei Workshops in einer AHS und in einer Berufsschule insgesamt 50 Stunden Interviewmaterial gesammelt – und daraus einen 30-minütigen Text (samt Widersprüchen) erstellt. Im Theater Akzent saßen sich nun je ein Besucher und ein Jugendlicher mit Kopfhörern gegenüber, um diesen aufgezeichneten Dialog live nachzusprechen. Die Performance, mit Begeisterung aufgenommen, wurde für den Nestroy nominiert.

Und heuer geht Anna Rispolis Wunsch nach einem politisch determinierten Ort als Schauplatz in Erfüllung – am 13. und 14. Mai sowie am 3. und 4. Juni im Parlament in einer leicht aktualisierten Version mit insgesamt 30 Jugendlichen als „Performer“.

Zwischen dem ersten und zweiten Block wird Anna Rispoli in Venedig sein: Zur Eröffnung der Architekturbiennale bringt sie erneut „Die bedingungslose Rede“ zur Aufführung – im deutschen Pavillon und mit Focus auf die Einkommenssituation in Italien. Diese sei noch viel prekärer als hierzulande.

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