Kampf gegen Macho-Kultur: Wie ein Kuss Spaniens Gesellschaft aufrüttelt

Von Medien und Politik angeheizt, wird aus dem Macho-Verhalten eines Funktionärs eine Generalabrechnung mit dem Fußball und seinen frauenfeindlichen Strukturen

Stefanie Müller aus Madrid

Im Wizink-Center im Zentrum von Madrid ist die Stimmung bei der Übertragung des WM-Finales der spanischen Fußballfrauen auf dem Höhepunkt. Auf der Bühne stehen keine Stars, nur einige einsame Kameras, die das tobende Publikum filmen, wie es auf die flimmernden Großleinwände starrt. Darunter viele kleine Buben und Mädchen mit Spanien-Flaggen, die lautstark mit ihren Heldinnen mitfiebern.

Anfangs keine Aufregung

Mitten in diesem Jubel sehen nur wenige den forcierten Kuss des Chefs des spanischen Fußballverbandes, Luis Rubiales, mit der Spielerin Jenni Hermoso. Keiner ahnt, dass dieser Akt das Land in eine nie da gewesene Aufregung über Machos und ihr Verhalten versetzen wird.

APA/AFP/FRANCK FIFEEin Kuss mit Folgen

Draußen vor der Mehrzweckhalle steht die Polizei, Proteste werden erwartet. Aber bei dem Gang von dem gekühlten Stadion auf den heißen Asphalt wird klar: Der Rest der Gesellschaft hat noch nicht verstanden, was gerade passiert war. Da ging es nicht um den aufgedrückten Kuss, sondern vielmehr um die Folgen für den spanischen Sport und die gesamte Gesellschaft.

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Das Machoverhalten eines Vorgesetzten war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die spanischen Fußballerinnen waren seit vielen Monaten unzufrieden mit ihrer schlechten Bezahlung und der ungerechten Behandlung im Vergleich zu den Männern. Einige hatten sich deswegen auch mit dem Trainer Jorge Vilda überworfen, waren zur WM erst gar nicht angetreten.

Machtstrukturen und Korruption

Gegen Rubiales laufen mehrere Anzeigen und Gerichtsverfahren. Jetzt stehen der gesamte spanische Fußball und seine umstrittenen Machtstrukturen im Rampenlicht und nicht der umjubelte WM-Sieg eines anfangs unterschätzten Teams.

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„Es erinnert an eine typisch spanische Seifenoper“, sagt Oscar Villasante. Der in Madrid lebende Kameramann glaubt, dass es auch mit dem Nachrichtenloch des Sommers zu tun habe, dass dieser Kuss solche medialen Kreise zieht, auch international: „Was mag der Rest der Welt von uns denken?“

Wenig Feierstimmung

Als der Siegesbus der WM-Frauen am Montagabend nach dem Sieg in Australien durch Madrid zieht, stehen am Anfang nur wenige Madrilenen am Straßenrand, um ihnen zu gratulieren. Die Spielerinnen schauen auf ihr Handy. Irgendetwas scheint komisch. In den sozialen Netzen tobt schon der Krieg gegen Rubiales. Hermoso wird unter Druck gesetzt, sich klar gegen ihn auszusprechen. Er hingegen will, dass sie zugibt, dass auch sie den Kuss gewollt habe.

Ihr Instagram-Account, wo nach dem Spiel zu hören war, dass ihr der Kuss von Rubiales nicht gefallen habe, kommt inzwischen auf über eine Millionen Follower.

Schon am Freitag melden einige spanische Medien, dass Rubiales wegen des Drucks am nächsten Tag zurücktreten werde, aber überraschend macht der Andalusier genau das Gegenteil: „Ich trete nicht zurück.“ Viermal wiederholt er diesen Satz vor seinen Vertrauten vom Verband. Viele applaudieren, einige stehen dabei sogar auf.

Mutter im Hungerstreik

Verschiedene feministische Organisationen im ganzen Land haben in den vergangenen Tagen zum Protest aufgerufen, darunter auch in Madrid, wo einige Dutzende sich an diesem Dienstag auf dem Platz Callao versammelten und Rubiales aufforderten, endlich …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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