„Corsage“: Warum eine Oscar-Nominierung immer noch möglich ist

Chance nach der Affäre Teichtmeister gering. Aber dass diese erst während des Votings bekannt wurde, macht die Nominierung nicht undenkbar. Bekanntgabe heute um 14.30 Uhr.

Auch wenn die Chance gering ist: Dass heute um 14.30 Uhr (österreichischer Zeit) mit all den anderen Nominierten auch eine Oscar-Nominierung für den österreichischen Film „Corsage“ in der Kategorie bester fremdsprachiger Film bekanntgegeben wird, ist nicht ausgeschlossen. Das liegt unter anderem am Timing des Falls Teichtmeister und daran, wie Oscar-Nominierungen entstehen. Auch haben die Macher um Regisseurin Marie Kreutzer und die zuständige österreichische Einreichungsstelle den Film nicht zurückgezogen.

Am 13. Jänner wurden die Vorwürfe gegen den Schauspieler, der im Film Kaiser Franz Joseph spielt, in Österreich bekannt. Zu diesem Zeitpunkt lief das Voting für die Oscar-Nominierungen bereits. Geendet hat es am 17. Jänner, also heute vor einer Woche. Und während zu diesem Zeitpunkt die Causa in Österreich längst riesige Wellen schlug, war sie in den USA weit weniger bekannt: Ob alle 9.500 Mitglieder der Oscar-Akademie, die die Nominierungen bestimmen, von den Vorwürfen vor ihrer Stimmabgabe erfuhren – und in welcher Dringlichkeit sich diese darstellen -, ist hier ein unbekannter Faktor.

Nicht zuletzt, weil der für die Oscar-Einreichung hierzulande zuständige Fachverband der Film-und Musikwirtschaft in der Wirtschaftskammer erst am 15. Jänner bekannt gab, dass „Corsage“ im Oscarrennen bleibt. Man habe die Academy informiert, sagten die Produzenten, ob diese aber Maßnahmen gesetzt hat – etwa, die Mitglieder aktiv auf den Fall hingewiesen -, ist nicht bekannt.

Das wichtige Branchmedium Hollywood Reporter berichtete am 14. Jänner von den Vorwürfen gegen Teichtmeister, Konkurrent Variety am 16. Jänner (10.30 Ortszeit) davon, dass „Corsage“ im Rennen bleibt. Zumindest zu letzterem Zeitpunkt – ein Tag vor Voting-Ende – werden viele Mitstimmenden ihre Nominierungslisten wohl bereits eingereicht haben.

Der US-Verleih, IFC Films, bleibt dabei auf der Message, mit der auch die österreichischen Produzenten agieren: Teichtmeister sei nicht „Corsage“, ein Schauspieler dürfe nicht das ganze Werk zerstören. Dass es auch Vorwürfe gegen einen zweiten Schauspieler, die mit jenen gegen Teichtmeister jedoch nicht vergleichbar sind, gibt, hat sich in den US-Branchenmedien noch nicht niedergeschlagen.

Große Hoffnungen

Dass „Corsage“ im Prinzip berechtigte Hoffnung auf die Nominierungen hatte, scheint außer Zweifel zu stehen: Sowohl die Thematik – das alte Europa – als auch die Umsetzung – feministischer Twist, ungewöhnliche Filmsprache, die tolle Vicky Krieps in der Hauptrolle – spiegeln sehr stark ein Bild vom europäischen Film wider, das in der Oscar-Academy durchaus verbreitet ist. „Corsage“ schien, beim Eintritt ins Rennen um die Oscar-Nominierung, die beste Chance auf eine Nominierung für Österreich seit vielen Jahren mit sich zu bringen.

Nominiert – und dann?

Jedoch hat in den letzten Tagen zumindest in den US-Medien die Fürsprache für „Corsage“ geendet. Am 3. Jänner noch haben beide Filmkritiker der New York Times in ihren Oscar-Wunschlisten Hauptdarstellerin Vicky Krieps für die Nominierung als beste Schauspielerin eingebucht. In den letzten Oscar-Vorhersagen von Variety und dem Hollywood Reporter aber kommen weder Krieps noch „Corsage“ vor.

Eine Nominierung wäre auch eine Herausforderung für die Academy, die diese eventuell zu vermeiden suchte. Denn die letzten Jahre waren die Oscars von Skandalen gebeutelt – mangelnde Diversität bei den Nominierungen und Preisen und, 2022, die Watsche von Will Smith. Eine Debatte um die Nominierung eines Filmes, bei dem einem Schauspieler derart schwere Vorwürfe gemacht werden, kann auch bei noch so hohem künstlerischen Gehalt nicht im Sinne der Oscar-Verleiher sein.

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.