Trauer, Wut und reflexhaftes Verhalten - Gedanken zum Terror

By Dr. Karl-Heinz Withus

Es ist eigentlich selbstverständlich, der völlig unsinnige Tod und die vielen Verletzungen an Körper und Seele, die durch Terroranschläge wie in Brüssel oder Paris verursacht werden löst bei mir Traurigkeit aus. Ich fühle mit den unmittelbar und auch mittelbar betroffenen Menschen mit und wage gar nicht, mir vorzustellen, dass ich selbst zu diesen Gruppen gehören könnte.

Und trotzdem ist es notwendig, bei jeder Äußerung zu solchen Anschlägen dies zu sagen, ja, voran zu stellen, um nicht in den Verdacht zu geraten, man würde solche Taten irgendwie banalisieren, rechtfertigen oder gar gutheißen. Schon diese Notwendigkeit, die Reflexhaftigkeit, mit der Politiker, Journalisten und eigentlich fast jedermann sein Mitgefühl, seine Trauer äußert, zeigt viel über die Hilflosigkeit der Gesellschaft.

In das Mitgefühl mischt sich Wut. Natürlich auf die Täter, die aus welchen Gründen auch immer – denn Gründe verblassen ob solcher Unmenschlichkeit – nicht nur Leben und Gesundheit völlig unschuldiger, zufällig ausgewählter Opfer zerstören sondern letztlich unsere Werte, unsere Art zu leben angreifen, um dies alles nach ihren eigenen Vorstellungen zu beeinflussen, zu ändern. Was bilden sie sich ein? Wie können sie ihre eigenen Vorstellungen, zu leben, ihre eigenen Werte nicht nur über die Vorstellungen und Werte anderer Menschen stellen, sondern diese auch noch gewaltsam ‚bekehren‘ wollen?

Aber auch Wut auf Sicherheitsbehörden. Warum können sie dies nicht verhindern? Wut auf diejenigen, die in unserem Staat und anderswo politische Entscheidungen treffen. Warum schaffen sie es nicht, dem Terror den Nährboden zu entziehen? Wut auf die Welt. Warum geschieht so viel Leid? Wut auf mich selbst, warum kann ich mich dieser Angst und Gefahr nicht entziehen?

Wut ist eigentlich immer irrational. Sie drückt Hilflosigkeit aus. Der Volksmund sagt, sie ist ein schlechter Ratgeber und trotzdem ist sie oft Triebfeder für Handlungen.

Jeden Tag sterben weltweit Hunderte, vermutlich Tausende Menschen eines unnatürlichen Todes. Sie sterben bei Bombenangriffen, bei Schießereien, durch Verhungern, durch Seuchen, durch Unfälle, durch Kriminelle Taten.

Würden wir uns dies jeden Tag bewusst machen, würden uns die Medien jeden Tag die vielen Toten in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt genauso dramatisch und mit Sondersendungen vor Augen führen Wir wären vermutlich zunächst schockiert aber auch bald abgestumpft.

Letztlich sind wir schon genau dies – abgestumpft – deswegen berichten die Medien nicht. Wer interessiert sich schon dafür, wie viele Menschen heute oder gestern durch Verkehrsunfälle ums Leben gekommen sind? Dies sind Meldungen, die allenfalls ihren Weg in die Lokalnachrichten schaffen. Die räumliche Nähe macht uns noch betroffen.

Terroranschläge schaffen – egal wo auf der Welt sie passieren – immer den Weg in die Schlagzeilen und unser aller Bewusstsein. Warum? Zum einen, weil sie zum Glück noch nicht alltäglich sind, viel wichtiger aber, weil sie eben jederzeit und überall passieren können. Weil die Attentäter es nicht auf einzelne, bestimmte Personen sondern auf uns alle, auf unsere Art zu leben abgestellt haben.

Wir sind von einem Anschlag zum Glück nicht selbst getroffen worden, es hätte aber auch uns treffen können, es hätte nicht Brüssel sein müssen, es hätte auch Berlin, Frankfurt, Hannover oder irgendwo sein können. An jedem beliebigen Ort, den wir vielleicht gerade aufgesucht hätten. Das macht uns auf betroffen.

Und dann kommen reflexhafte Reaktionen, von uns und von Politikern, Medien, Sicherheits-„Experten“.

Man sucht Schuldige, man verurteilt, man fordert Maßnahmen.

Die Brüsseler Polizei ist schuldig, wieso schafft sie es nicht, den belgischen Sumpf an Terrorverdächtigen trockenzulegen? Ich bin kein Sicherheitsexperte und erlaube mir daher kein Urteil über die Frage, ob die Polizei in Belgien tatsächlich etwas versäumt hat oder vielleicht doch alles getan hat, was in ihrer Macht lag. Aber solche Schuldzuweisungen hört man bei derlei Anschlägen immer wieder. Sie lenken Wut und Ohnmacht auf ein konkretes Ziel. Die Polizei, die Politiker sind greifbarer als ‚die Terroristen‘.

Solche Schuldzuweisungen erlauben uns aber vor allen Dingen das Problem von uns weg, in diesem Fall nach Brüssel zu schieben. Sie geben uns die Illusion, nicht betroffen zu sein. Dann fahren wir eben nicht nach Brüssel, denn dort – und nur dort – ist es gefährlich. Wie gesagt eine Illusion, denn Attentäter können überall zuschlagen, sie verfolgen keine Logik außer der, unsere Gesellschaft zu treffen und zu verunsichern, sei es in Brüssel, Frankfurt oder auf dem Volksfest in Hintertupfingen.

Natürlich wird ‚dem Islam‘ die Schuld gegeben. Es ist naheliegend, denn nahezu alle Terorakte weltweit berufen sich auf dem Islam. Auch hier fehlt mir das Expertenwissen, um zu beurteilen, ob der Islam wirklich gewalttätiger ist als andere Religionen, insbesondere das in unserer Gesellschaft vorherrschende Christentum. Ich weiß nur, dass auch unter dem Mantel der Christlichkeit in den letzten 2.000 Jahren viel Gewaltexzesse stattfanden.

Es wird auch dem dauerhaften Konflikt im Nahen Osten die Schuld gegeben, je nach Standpunkt den unterschiedlichen Parteien in diesem Konflikt. Die Verbindung von hier zum Islam ist wieder erkennbar.

Meines Erachtens sind dies alles falsche Betrachtungswinkel. Denn weder ‚der Islam‘ noch ‚der Konflikt‘ baut Bomben und sprengt sich in die Luft. Dies machen Menschen!

Die Frage ist doch daher immer, wieso machen Menschen dies? Was treibt sie an, sich und andere Menschen zu töten? Was treibt sie an, dem Leben hier eine Versprechung von ewigen Ruhm und angeblich unendlich vielen Jungfrauen im Himmel vorzuziehen?

Sicherlich wäre es wenig sinnvoll, solchen Tätern rationales Verhalten und sorgfältige Abwägung ihrer Pläne zu unterstellen. Es gibt viele Wissenschaftler, die dem Menschen insgesamt die Fähigkeit zu rationalem Verhalten absprechen. Bei jemandem, der freiwillig aus dem Leben scheidet, dürfte diese Fähigkeit jedenfalls kaum vorhanden sein.

Was ist so groß, so bedeutend, dass sich dieses eigene Opfer lohnt? Das vergessen lässt, dass man dem Tod entgegengeht und dies unter Umständen auch verbunden mit Schmerzen?

Was ist so bedeutend, dass man willentlich den Tod und schwerste Verletzungen von unbeteiligten Dritten inkauf nimmt?

In der Kriminalitätslehre kennt man das sogenannte Fraud-Dreieck. Dies beschreibt ganz banal, dass Menschen für kriminelle Handlungen drei Impulse benötigen.

Zum einen muss eine Motivation vorhanden sein. D.h. welchen Vorteil erwartet man von der Handlung – und zwar unter Abwägung eventuell oder sicher drohender Nachteile.

Als Zweites bedarf es einer Rechtfertigung, d.h. die Tat muss mit dem eigenen Werten in Einklang gebracht werden. Da diese

Source:: The Huffington Post – Germany

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