Filmfestival Venedig: Händewaschen nicht vergessen

By alexandra.seibel@kurier.at (Alexandra Seibel)

Tschechischer Kriegsfilm in Esperanto und skurrile Melancholie vom Schweden Roy Andersson im Wettbewerb.

Wenn Teile des Publikums während eines Films aufstehen und den Saal verlassen, hat das eine demoralisierende Wirkung auf die Zurückbleibenden. Umso mehr, wenn es sich um ein dreistündiges Kriegsepos in Schwarz-Weiß handelt, in dem – wenn überhaupt – inter-slawisches Esperanto gesprochen wird.

Doch weder Farbe, Länge, noch Sprache sind das Problem des tschechischen Wettbewerbsbeitrags „A Painted Bird“ von Václav Marhoul. Basierend auf dem autobiografisch gefärbten Roman „Der bemalte Vogel“ des US-polnischen Schriftstellers Jerzy Kosiński von 1965, erzählt Mahoul die Geschichte eines jüdischen Buben, der während des Zweiten Weltkriegs durch Osteuropa flüchtet und brutale Begegnungen mit der (Land-)Bevölkerung macht.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, heißt es bekanntlich, und dieses Exempel wird von Marhoul gnadenlos durchexerziert: Der Bub trifft auf brutale Prügler, subtile Sadisten, (weibliche) Vergewaltiger, Tierquäler, Pädophile, Nazis und mordende Kosaken. In brillanter Schwarz-Weiß-Optik entwirft Marhoul geradezu genüsslich ein Pandemonium an menschlicher Perversion. Die Grausamkeiten des Holocausts, sie fanden eindeutig nicht nur hinter den Stachelzäunen der Konzentrationslager statt. Vielmehr verwandelte tobender Antisemismus jeden einzelnen Dorfdeppen in einen potenziellen Totschläger.

Biennale

Reise durch die menschliche Grausamkeit: „The Painted Bird“

Diese zweifellos richtige Botschaft erzählt Marhoul in aller Deutlichkeit, jedoch mit fraglichen ästhetischen Mitteln. Handwerklich exquisit, entwirft er seine grimmigen Ereignisse mit Hang zur horriblen Pointe. Und zwar eine Szene nach der anderen. Es dauert nicht lange, da hat man den Trick heraußen: Ein Schacht, gefüllt mit quietschenden Ratten? Ganz sicher wird dort jemand hinein stürzen. Ein netter Mann in der Kirche, der den Buben bei sich aufnehmen will? Natürlich ein Pädophiler.

Marhoul spielt mit unseren

Source:: Kurier.at – Kultur

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