Brüste, Großmütter und Politik: Kunsthalle Wien hält Kurs bis 2024

Das Leitungsteam WHW präsentierte sein Programm. Warum die Bewerbung für eine Verlängerung abgelehnt wurde, versteht das Trio nicht

 Die Kunsthalle Wien bleibt auf Kurs – auch, wenn dieser der Kulturpolitik nicht mehr gefällt. Denn man verstehe nicht, welchen Kriterien man mit der Bewerbung um Vertragsverlängerung über Mitte 2024 hinaus nicht entsprochen habe, sagte Ivet Ćurlin vom Leitungskollektiv „What, How & for Whom“ (WHW) bei der Vorstellung des Jahresprogramms 2023 auf Nachfrage der APA. Man habe weiterhin keine klare Begründung erhalten, warum das eingereichte Programm zurückgewiesen wurde.

Etwas gesprächiger als bei der Jahrespressekonferenz am Dienstag zeigten sich WHW gegenüber dem Online-Magazin Hyperallergic, das einen längeren Artikel über das Kollektiv veröffentlichte, noch bevor deren Vertreterinnen Ćurlin und Nataša Ilić vor die lokale Wiener Presse traten.

„Es gibt eine spezielle Generation oder eine Gruppe von Leuten, die unsere Programme nicht zu mögen scheinen“, werden Ćurlin und Ilić in dem Artikel zitiert. „Sie scheinen zu wollen, dass eine Kunsthalle des 21. Jahrhunderts die alte Idee der Avantgarde als eine populäre, sogar populistische Sache aufrechterhält.“

Die kosmopolitische Zusammensetzung Wiens werde von der Kunstszene nicht reflektiert, so die Kunsthallen-Chefinnen zu Hyperallergic. Auf die suggestive Frage des Redakteurs, ob es an der „imperialen Nostalgie“ einer Stadt liege, die einst über einen großen Teil des früheren Jugoslawien geherrscht habe, antworten die aus Zagreb stammenden Kuratorinnen so: „Es wurde nie ausgesprochen, aber es gibt sicher ein Element davon. Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien sind die größte Minderheit in Wien und werden zu einem gewissen Grad akzeptiert, aber es gibt ein Limit für die soziale Beweglichkeit von Menschen mit Migrationshintergrund.“

Enttäuschung

Im Dezember war bekanntgegeben worden, das alle nach einer Ausschreibung eingelangten 20 Bewerbungen nach Ansicht einer Jury „nicht den Kriterien entsprachen“. Mit einer Neuausschreibung solle „ein neues Kapitel“ aufgeschlagen werden. Intern wurde den jetzigen Leiterinnen signalisiert, dass eine modifizierte WHW-Einreichung chancenlos wäre. Aus Protest gegen diese „Abwahl“ legte Aufsichtsrat Boris Marte sein Mandat zurück, auch die Akademie der Bildenden Künste und die Secession kritisierten Entscheidung und Vorgangsweise öffentlich. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) argumentierte kürzlich im „KulturMontag“ des ORF, dass sich die Voraussetzungen geändert hätten. Nun gelte es, verstärktes Augenmerk auf die Rückgewinnung des in der Pandemie-Zeit verlorenen Publikums zu richten.

Die offiziellen Besucherzahlen würden erst im März bekanntgegeben, vorläufige Zahlen zeigten jedoch, dass man steigendes Besucherinteresse verzeichne und nahe am letzten Vor-Pandemie-Jahr 2019 landen werde. „Wir denken, das ist ein ziemlicher Erfolg. Bei digitalen Besuchern haben wir deutlich mehr als früher.“ Konkret dürfte man 2022 mit rund 57.600 Besucherinnen und Besuchern vor Ort und rund 46.000 im digitalen Bereich abschneiden. 2019 waren 73.150 Ausstellungsbesucher gezählt worden. Unter dem früheren Leiter Nicolaus Schafhausen waren 2017 rund 77.000, 2018 etwas über 70.000 Eintritte gezählt worden, wobei damals die hohe Anzahl der Gratis-Tickets kritisiert wurde. Eine Entscheidung über die künftige Leitung ab Mitte 2024 soll voraussichtlich im kommenden März fallen.

Auch 2024 noch WHW-Handschrift

Ćurlin betonte, dass das Kollektiv auch noch das Programm für 2024 prägen werde. Die Kunsthalle werde dabei ein Ort für eine „Pluralität der Stimmen“ bleiben, ergänzte Nataša Ilić, die auch für das Programm 2023 eine Vielzahl von Kooperationen und Gast-Kuratorinnen präsentierte. Zentral werde dabei die Austellung „No Feeling is Final. The Skopje Solidarity Collection“ (ab 20.4.), in der die Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst (MoCA) in in Skopje/Nordmazedonien Ausgangs- und Kristallisationspunkt ist. Das Museum wurde nach der Verwüstung der Stadt durch ein Erdbeben 1963 neu gegründet und mit maßgeblichen Werken der damaligen Moderne ausgestattet – was „einer der ersten Berührungspunkte der modernen Kunst in der Zeit der Ost-West-Teilung“ gewesen sei. Nun werden die Klassiker (von Calder, Christo, Sol Lewitt und anderen) von vier Künstler*innen und einem Künstlerinnenduo neu kontextualisiert. Die Fotografin Elfie Semotan wurde dazu mit einer Fotoarbeit beauftragt.

Elfie Semotan

Weitere Highlights des Kunsthallen-Programms sind eine Solo-Ausstellung der französischen Künstlerin Laure Prouvost, die 2019 den Frankreich-Pavillon bei der Biennale Venedig gestaltete. Ihre fantasievolle Arbeitsweise, in der Videos, Objekte und Rauminstallationen tragende Rolle spielen, wird in Wien mit einem Projekt zum Überthema „Großmütter“ präsentiert. Produziert wird die Schau in Kooperation mit den Wiener Festwochen, deren Team auch die Kuratorin stellt.

Eine weitere Ausstellung im Herbst – Arbeitstitel „Darker, Lighter, Puffy, Flat“ – wird sich mit Brüsten befassen: Sie seien sowohl in Mode, Werbung und Medien, im Kontext der Erotik, aber auch in Debatten um Geschlechterrollen omnipräsent, erklärte die Kuratorin Laura Amann, die zu dem „sinnlich bestechenden und zugleich intellektuell fesselnden Thema“ eine Vielzahl von künstlerischen Arbeiten versammeln will. Darüber hinaus bietet die Kunsthalle schon traditionell viel Vermittlungsprogramm sowie eine Reihe von Publikationen. Dass Kataloge – etwa zur Arbeit von Belinda Kazeem-Kaminski oder Katrina Daschner – erst im 2. Quartal 2023 und damit rund ein Jahr nach Ablauf der damit verbundenen Ausstellungen erscheinen, ergebe sich daraus, dass sie als „logische Fortsetzung“ und nicht als Begleitung der Ausstellungsprojekte gedacht sind, hieß es bei der Pressekonferenz. Ob sich der Verbreitungskreis der Printprodukte damit erweitert, darf man allerdings infrage stellen.

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